Demensch

Peter Gayman und Thomas Klie.

Viel Kreativität haben Familien und Pflegekräfte in Heimen gebraucht, um mit den Corona-Folgen umzugehen, sie erträglich zu gestalten: Betroffen waren in besonderer Weise Menschen mit Demenz. Sie waren und sind doppelt gefährdet: Als Hauptrisikogruppe einerseits und andererseits als die, die in ihren Menschenrechten durch die Infektionsschutzmaßnahmen besonders bedroht und tangiert waren.  Es wurde experimentiert: mit Bildtelefon und Skype, um Begegnungen mit An- und Zugehörigen möglich zu machen. Heime bauten Begegnungscontainer „Klön-Boxes“ auf, um im geschützten Raum die über Wochen ausgesetzten persönlichen Begegnungen dennoch möglich zu machen - wenn auch etwas Knast like.  Ein „Papa-Mobil“ mit Plexiglaskabine wurde für den Transport von Besuchern im Heim konstruiert: Ideenreichtum und Humor waren und sind gefragt, um mit den zum Teil dramatischen Beschränkungen umzugehen. Vielen ist es gut gelungen, andere sind an ihre Grenzen gekommen. Und gibt es leider auch die Berichte über massive Menschenrechtsverletzungen infolge des Lockdowns: Fixierungen im eigenen Zimmer, Sedierung und das Legen einer PEG-Magensonde, um die Ernährung auch dann sicherzustellen, als An- und Zugehörige und Ehrenamtliche keinen Zugang mehr zu Heimen hatten und sich nicht an den Aufgaben der Unterstützung bei den Mahlzeiten beteiligen konnten.  Beaufsichtigte Besuche, um jede Umarmung zu verhindern: Das Alzheimer-Telefon stand nicht mehr still. Wie schnell die Kultur eines menschenfreundlichen Umgangs mit Menschen mit Demenz bedroht ist, wie schnell rechtstaatliche Schutzvorkehrungen vor massiven Freiheitseinschränkungen legitimiert wurden, war und ist erschreckend. Bedrohlich wirkt auch die Bereitschaft von Politikern, das Menschenleben eines Menschen mit Demenz als weniger schützenswert anzusehen als das Leben jüngerer, „produktiver“ Menschen. Die Menschenwürde ist unteilbar! Umso wichtiger ist es, eine neue Sensibilität für Fragen der Würde und der Menschenrechte von Menschen mit Demenz zu entwickeln und immer wieder aufs Neue einen kreativen, menschenfreundlichen und von Herzenswärme geprägten Umgang einzuüben. Die Kunst eines menschenfreundlichen Umgangs mit Demenz und Menschen mit Demenz zeigt sich vielfältig: in der Gestaltung des Alltags, in der Begegnung im öffentlichen Raum, im politischen Diskurs. Die Corona-Krise war und ist ein Lackmustest für die Resilienz einer menschenfreundlichen Kultur, die sich auch und gerade an den vulnerabelsten Bevölkerungsgruppen zeigt. Werner Finck, der in seiner Kabarettistenlaufbahn mit der Bedrohung seiner Freiheit und seiner Menschenrechte ausreichend Erfahrung sammeln konnte, formulierte: „An dem Punkt, wo der Spaß aufhört, fängt der Humor an.“ Der Satz stimmt auch für so manche Situationen in Covid-19-Zeiten. Peter Gaymann[1] und ich haben in dem DEMENSCH-Kalender 2021 das Thema Corona nicht außen vor lassen können. Wir hoffen aber, dass die Cartoons ohne Maske in 2021 wieder Abbild einer offenen und menschenfreundlichen Gesellschaft sind. 

 

Peter Gaymann zeichnete in der Corona-Krise täglich seine Cartoons als humorvolle Überlebenshilfe.

 

© Copyright 2020 Thomas Klie

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